C. S. Lewis: The Screwtape Letters / Screwtape Proposes a Toast [Dämonen im Angriff. 31 Briefe; a.k.a.: Dienstanweisung für einen Unterteufel / Streng dämokratisch zur Hölle]

Wenn man sich über den Teufel lustig macht, dann verliere er die Macht über den Menschen. So der gläubige Christ Lewis, und er zitiert in seinem Motto gleich zwei Autoritäten dazu: Martin Luther und Thomas Morus. Im Übrigen widmete er die Screwtape Letters seinem Freund J. R. R. Tolkien. Da weiß man wenigstens gleich, woran man ist.

Screwtape ist der Name eines irgendwo im mittleren bis oberen Management angesiedelten Teufels, der sich in 31 Briefen an seinen „Neffen“ Wormwood wendet. (Das Verwandtschaftsverhältnis ist wohl eher ideeller Art: Wir erfahren ansonsten nirgends von der Existenz von Teufelinnen oder überhaupt von Fortpflanzung unter Teufeln, ob nun auf sexuelle oder auf asexuelle Weise.) Wormwood hat gerade das College verlassen, wo er zum „Versucher“ ausgebildet worden war. („Versucher“ hier im christlichen Sinne, in dem es den meisten unter uns wohl aus dem sog. „Vater unser“ bekannt ist: „Führe uns nicht in Versuchung…“) Nun hat er seinen ersten Job bei einem jungen Menschen-Mann, der seinerseits noch seine Position in der Gesellschaft sucht. Screwtape gibt seinem „Neffen“ schriftliche Ratschläge, wie er den jungen und noch biegsamen Kerl vom geraden Weg abbringen solle. Diese Ratschläge zielen immer in dieselbe Richtung: Menschliche Schwächen und Ansätze zu sündigem Verhalten sollen subtil ausgenützt und unterstützt werden, der junge Mann auf diese Weise langsam, aber sicher, auf die schiefe Bahn gebracht werden. Die Schwächen, die der Teufel als Ansatzpunkt verwendet (verwenden soll), sind im Grunde genommen dieselben, vor denen strenggläubige Eltern ihre Sprösslinge warnen: schlechte (weil in Sachen Glauben einem Skeptizismus huldigende) Freunde, Sex, Essen und Trinken. Essen nicht im Sinne einer Völlerei, sondern im Sinne einer übermäßigen Huldigung der exquisiten Gaumenfreuden, die letzten Endes zur Überheblichkeit führt, dazu, dass man auf andere Menschen herabsieht, die keinen so raffinierten Geschmack haben wie man selber. Mehr oder weniger soll Wormwood also Tendenzen verstärken zu dem hin, was die Kirche seit jeher als „Todsünde“ bezeichnet hat.

Wormwood ist noch jung. Er lässt sich vom aufziehenden Krieg (das Büchlein erschien 1942 zum ersten Mal!) beeinflussen, folgt mehr dem Kriegsverlauf als seinem Schützling, glaubt auch wohl, dass der Krieg – als ein Übel an sich – ihm die Seele des jungen Mannes ohne weiteres in die Hände spielen wird. Es ist aber genau der Krieg – zusammen mit der Verlobung mit einer rechtschaffenen, gläubigen Christin –, die den namenlos bleibenden jungen Mann zum rechten Glauben führt. Er stirbt bei einem Bombenangriff auf die Stadt, in der er lebt – und fährt gen Himmel. Da es Wormwood nicht gelungen ist, der Hölle eine Seele zuzuführen, wird statt ihrer er selber verspeist. Daran ändert auch ein offenbar stattgefundener Appell an seinen Onkel nichts – im Gegenteil.

Soweit ganz kurz zusammengefasst, die Handlung der Screwtape Letters. Der Inhalt ist an und für sich nichts Spezielles – wir kennen Ähnliches von christlich-apologetischer Literatur spätestens seit Bunyan, der im englischen Sprachraum in solchen Dingen immer irgendwo im Hintergrund die Fäden zieht. Spezieller ist da schon das Bild des Teufels, das Lewis entwirft. Offenbar ist jedem Menschen sein persönlicher Versucher beigeordnet. (Ebenso, wie ein auf dessen Erlösung wirkender Engel von der Gegenseite.) Das würde bedeuten, dass im Moment rund 8 Milliarden Teufel (und ebenso viele Engel) auf der Erde umher schwirren. Doch über diese Zahl macht sich Lewis keine Gedanken. Der oberste der Teufel, Luzifer, so Lewis explizit in seinem Vorwort, ist keineswegs der direkte Gegenspieler Gottes. Als gefallener Engel ist er ebenso eine Kreatur Gottes, wie der Mensch selber. Gefallen wiederum ist er, weil Gott auch den Engeln einen freien Willen eingegeben hat. Satans Gegenpart im Reich der „Guten“ ist vielmehr der Erzengel Michael. Mit diesem Bild wird Lewis allerdings unvermutet zum Häretiker: Seine Theologie, seine Teufel (und seine Engel), entpuppen sich als eine Mischung aus nicht nur christlichem Denken; wir finden auch manichäistisch-zoroastristische Züge darin.

Im gleichen Atemzug, in dem er Satan degradiert, kritisiert Lewis seine Vorgänger in Sachen Darstellung des Teufels. Miltons Satan ist ihm ebenso zu positiv gezeichnet, wie Goethes Mephistopheles. (Ja, er sagt geradezu, dass in dessen Faust nicht Mephistopheles wahrhaft teuflisch sei, sondern Faust in seinem uneingeschränkten Egoismus.)

Aber auch das macht noch nichts wirklich Spezielles aus den Screwtape Letters. Das werden sie erst durch etwas ganz anderes, vom Autor gar nicht Intendiertes. Lewis schreibt in seinem Vorwort, dass er sich die Hölle nicht anders vorstellen könne, denn als eine riesige Bürokratie – ausgerichtet darauf, sich möglichst viele Menschenseelen einverleiben zu können. Und wenn es zu wenig Menschenseelen gibt, dann fressen sich die Teufel auch schon mal untereinander auf. Das macht aus der Hölle ein Nest voller Intrigen und Bespitzelungen. Hier nun wird Lewis wahrhaftig zum Satiriker. Seine eigentlich intendierte Satire auf den Teufel als theologische Entität ist schwach, weil er nicht anders kann, als an diesen Teufel glauben und ihn fürchten. Und was man fürchtet, darüber kann man sich nicht wirklich lustig machen – egal, was Luther und More dazu meinen. Die Beschreibung der Hölle aber ist – für uns Menschen des 21. Jahrhunderts – wahre Satire. Die dort allgegenwärtigen Bespitzelungen und Denunziationen untereinander, das Teufel-frisst-Teufel-Wesen, das bedenkenlose Opfern von „Neffen“ und „Ziehsöhnen“ für die eigene Karriere: Wer in letzter Zeit verfolgt hat, wie sich das Spitzenpersonal der Großbanken untereinander verhält, wird nicht umhin können, festzustellen, dass sich offenbar nicht nur Jesus, sondern auch Satan reinkarniert hat, und heute als Vorsitzender der Geschäftsleitung die Geschicke nicht der Hölle, sondern der Credit Suisse leitet. Und ein paar seiner Unterteufel sind auch gleich mitgekommen…

(Der meiner Ausgabe – London: Folio Society, 2008 – beigefügte Toast Screwtapes vertieft das Thema der aufzufressenden Sünder. Screwtape bedauert darin, dass es keine ganz grossen Mahlzeiten mehr in der Hölle gibt, weil es keine ganz großen Sünder mehr auf der Erde gibt. Andererseits begrüßt er das, bedeutet es doch, dass zwar weniger große Sünder existieren, aber dafür ein Haufen kleiner Sünder vorhanden ist. Quantität geht letzten Endes vor Qualität. (Auch hier also eine – von Lewis nicht beabsichtigte, aber äußerst beißende – Karikatur und Kritik des neoliberalen Kapitalismus. Ansonsten ist der Anhang – der ebenso wie das Vorwort erst 1961 geschrieben wurde – vernachlässigbar.)

Zum Hören:
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