Tom Segev: Die siebte Million

Der Autor behandelt in diesem Buch den Umgang Israels mit dem Holocaust bzw. mit den Holocaust-Überlebenden, ein Umgang, der im Laufe der Zeit starken Änderungen unterworfen war.

So wurde der Massenmord an den europäischen Juden während des Zweiten Weltkrieges vom Jischuv kaum thematisiert: Die Probleme in Palästina, das Bemühen um einen künftigen Staat Israel wurde als wichtiger erachtet als das Schicksal ihrer Glaubensbrüder, auch deshalb, weil man – zu Recht (?) – kaum Möglichkeiten sah, ihnen Hilfe leisten zu können. Genau daran haben sich später unzählige Diskussionen entzündet, man hat die moralische Verantwortung des Jischuv thematisiert, den (vermeintlichen) Egoismus. Und man hat – direkt und indirekt – den Juden in Europa ihre Passivität vorgeworfen, die Tatsache, dass sie sich “wie die Lämmer zur Schlachtbank haben führen lassen” und kaum Widerstand geleistet hätten. Dieser implizite Vorwurf war mit ein Grund, weshalb in den Jahren nach der Staatsgründung der Holocaust kein öffentliches Thema war: Erst durch den Eichmann-Prozess sollte sich an dieser Haltung Entscheidendes ändern.

Dieser Prozess (von Ben-Gurion für die israelische Sache bewusst instrumentalisiert) schuf erst das Bewusstsein für das Leiden der Holocaustüberlebenden, die umfangreiche Berichterstattung machte die israelische Öffentlichkeit mit dem Schicksal bekannt und sehr schnell wurde der Holocaust zum identitätsstiftenden Mythos für den Staat Israel: Die Ungeheuerlichkeit des Ereignisses führte dazu, dass das offizielle Israel sich moralisch immun fühlte; niemand – auch nicht die Alliierten – hätten den Juden während der Vernichtung beigestanden, weshalb jede Einmischung in inner-israelische Angelegenheiten (vor allem der Umgang mit den Palästinensern) als unstatthaft angesehen wurde. Zuvor war der Holocaust nur in der Frage der Wiederaufnahme der Beziehungen mit Deutschland (und damit verbunden mit der Frage nach Reparationen) diskutiert worden und in einem eher kuriosen Prozess, der die Aktivitäten von Rudolf Kastner in Ungarn 1944 untersuchte, als man von seiten der Nationalsozialisten einen skurrilen Handel einzufädeln versuchte: Einer Million Juden sollten gegen eine Lieferung von 100 000 Lastkraftwagen die Ausreise erlaubt werden. Das alles zerschlug sich sehr rasch (nach dem die Öffentlichkeit davon erfahren hatte), nur etwa 1600 – von Kastner ausgewählte Personen – wurde die Flucht ermöglicht. Dass Kastner die Juden Ungarns aufforderte, ruhig zu bleiben, keinen Aufstand zu wagen, wurde ihm später zum Vorwurf gemacht, ein Vorwurf, der in gleichem Maße auch die zahlreichen Judenräte, die mit der SS in Verbindung standen, ereilte. Inwieweit solche Vorhaltungen berechtigt waren, blieb unbeantwortet: Zum einen war die Zusammenarbeit von Judenräten und SS tatsächlich für Organisation des Massenmordes entscheidend, zum anderen aber waren die Konsequenzen einer Verweigerung zum damaligen Zeitpunkt unabsehbar. Und im Fall Kastner liegt die Vermutung nahe, dass er – sofern er nicht kooperiert hätte – auch jene 1600 Menschen nicht hätte retten können.

Im Laufe der 60ger Jahre wurde der Holocaust schließlich zur Vergangenheit aller Israeli (auch der Sepharden, die von der Vernichtung nicht betroffen waren): Das Leid der Holocaustüberlebenden wurde zum Politikum, alle Parteien bedienten sich dieser Vergangenheit und beanspruchten, die wahren Erben jener sechs Millionen Toten zu sein, die in den Konzentrationslagern umgekommen waren (diese “Erbschaft” wurde – auch aus rechtlichen Gründen – vom Staat Israel in Anspruch genommen, um entsprechende Forderungen an Deutschland richten zu können). Auf der Bühne der Weltpolitik diente der Holocaust als Rechtfertigung für die Existenz des Staates, jede (tatsächliche und eingebildete) Bedrohung wurde mit dem Hinweis eines neu erstandenen Hitlers beantwortet, wodurch alle Maßnahmen (etwa in Bezug auf die Palästinenser) immer in den Rang einer verzweifelten Selbstverteidigung des Staates erhoben wurden, die – weil wieder einmal die Vernichtung bevorstand – allgemein ethische Überlegungen nicht zuließen.

Mittlerweile wird das Erbe des Holocaust in Schulen, bei zahlreichen Gedenkfeiern wieder und wieder beschworen: Und diese Erinnerungskultur fördert, wie Segev treffend bemerkt, “einen engstirnigen Chauvinismus und andererseits das Gefühl, dass die Judenvernichtung durch die Nazis jeden Akt rechtfertigt, der zu Israels Sicherheit beizutragen scheint […]”. Dabei ist Segev nicht um ein Vergessen zu tun, sondern nur um völlig andere Schlussfolgerungen: “Der Holocaust ruft alle dazu auf, die Demokratie zu bewahren, den Rassismus zu bekämpfen und die Menschenrechte zu schützen. Er verleiht dem israelischen Gesetz, nach dem Soldaten offenkundig rechtswidrige Befehle verweigern sollten, mehr Nachdruck. […]” Jehuda Elkana hat das noch deutlicher ausgesprochen: “Eine Atmosphäre, in der eine ganze Nation ihre Beziehung zur Gegenwart und ihre Gestaltung der Zukunft von den Lehren der Vergangenheit abhängig macht, ist eine Gefahr für die Zukunft einer jeden Gesellschaft, die, wie in allen Ländern, in relativer Gelassenheit und relativer Sicherheit leben will … sogar die Demokratie selbst ist bedroht, wenn die Erinnerung der Nazi-Opfer im politischen Prozeß eine aktive Rolle spielt. Alle faschistischen Regimes mit ihren Ideologien haben das sehr wohl verstanden … Wenn man vergangene Leiden als politisches Argument gebraucht, ist das so, als erwecke man die Toten zu Partnern im demokratischen Prozeß der Lebenden.” Und er folgert daraus: “Ich sehe keine größere Gefahr für die Zukunft Israels als die Tatsache, daß der Holocaust ganz systematisch in das Bewußtsein der israelischen Bevölkerung eingepflanzt wurde; dies betrifft sowohl den großen Teil der Bevölkerung, der den Holocaust nicht erlebt hat, als auch die Generation der Kinder, die hier geboren wurden und aufgewachsen sind. Zum ersten Mal verstehe ich, welch ernste Konsequenzen es hat, daß wir jedes israelische Kind nach Yad Vashem geschickt haben – und nicht nur einmal. Was glauben wir denn, was zarte Kinder mit diesem Erlebnis anfangen? […] Wie soll ein Kind solche Erinnerungen verarbeiten? Viele von ihnen verstanden vermutlich diese Horrorbilder als einen Aufruf zum Haß. […] Ich sehe keine wichtigere politische oder pädagogische Aufgabe für die Führer der Nation, als sich für das Leben einzusetzen, sich der Gestaltung der Zukunft zu widmen – und nicht, sich früh und spät um die Symbole, Feiern und Lehren des Holocaust zu kümmern. Die Herrschaft der historischen Erinnerung muß aus unserem Leben entfernt werden.”

Segevs Buch ist – wie auch jenes über die Mandatszeit – ein Glücksfall. Er schreibt klug und bedacht, er ist objektiv in einer Weise, die beispielhaft sein sollte. Und er kann der Vernunft auch deshalb Ausdruck verleihen, weil er als Israeli nicht Gefahr läuft, bei Kritik sofort als Antisemit bezeichnet zu werden. Es wäre Israel nur zu wünschen, mehr solche Stimmen der Vernunft zu besitzen.


Tom Segev: Die siebte Million. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1995.

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