Richard Wagner: Tannhäuser

Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg, wie der vollständige Titel der Oper lautet, wurde 1845 in Dresden uraufgeführt. Richard Wagner arbeitete den Stoff danach noch ein paar Male um, kürzte hier, fügte da noch etwas hinzu. Aber nicht nur deswegen gilt der Tannhäuser als Wagners persönlichste Oper. Es ist vor allem das Thema: Die Zerrissenheit des Künstlers zwischen Anspruch der Gesellschaft und künstlerischem Trieb, zwischen althergebrachtem künstlerischem Gebrauch und dem Drang, etwas Neues und Unerhörtes zu schaffen. Ausgedrückt im Schwanken des Protagonisten Tannhäuser zwischen den sinnlichen Erfahrungen im Venusberg und der Anbetung der reinen, ja heiligen Elisabeth. Ausgedrückt aber auch im Antagonismus zwischen Tannhäuser, der am Sängerfest der sinnlichen Liebe huldigt, und den andern Sängern – allen voran Wolfram von Eschenbach – , die einer Liebe das Wort singen, die vor allem geistig, um nicht zu sagen vergeistigt ist. Tannhäuser wird daran zu Grunde gehen und Elisabeth mit in sein Verderben reissen. Zurück bleibt ein trauernder Wolfram, der nicht weiss, hat er nun neben der von ihm ebenfalls geliebten Elisabeth mit Tannhäuser einen Freund oder einen Feind verloren. Seine, Wolframs, Kunst, spürt man, wird jedenfalls nie wieder dieselbe sein.

Den Stoff zu dieser Oper entnahm Richard Wagner bester deutscher, romantischer Tradition. Er findet sich – als zwei von einander unabhängige Sagen – bereits in den Sagen-Sammlungen der Brüder Grimm und auch Bechsteins vor. Der Sängerkrieg ist auch ein wichtiges Motiv in Hardenbergs Heinrich von Ofterdingen. Bei E. T. A. Hoffmann findet sich eine Novelle aus diesem Sagenkreis (in den Serapionsbrüdern), auch Tieck hat eine diesbezüglich Novelle verfasst. Der Schluss, in dem Tannhäuser durch die reine Liebe und Fürbitte Elisabeths bei der Jungfrau Maria doch noch von seinen Sünden erlöst wird, erinnert an den ähnlichen Schluss, den Johann Wolfgang von Goethe seinem Faust II hat angedeihen lassen. Richard Wagner aber war der erste, der die vorher voneinander unabhängigen Sagen vom Sängerkrieg auf der Wartburg und vom Venusberg zusammen schweisste.

Die gestrige Aufführung des Opernhauses Zürich war ein voller Erfolg. Nicht nur, dass der Saal bis zum Schluss proppenvoll war – die Inszenierung von Harry Kupfer und Axel Kober wusste auch zu packen und zu faszinieren. Stephen Gould als Tannhäuser phrasierte zwar hin und wieder etwas eigenwillig – das ist sein Markenzeichen. Lise Davidsen als Elisabeth machte mir allerdings gestern Abend etwas Angst. Sie setzte ihr erstes Solo, das Hallenlied, sehr blechern, ja schrill, ein und schien irgendwie nicht ganz hinein zu finden. Sie liebt diese Halle, ja verehrt sie – warum dann schreit sie sie so an? Später, im Duett mit Tannhäuser und im dramatischen Schluss des zweiten Aktes, wurde es besser. Der dritte Akt, wo sie um Tannhäuser trauert, zeigte aber ihre eigentliche Begabung auf: Lyrischer Sopran wäre ihrer Stimme (und ihrem Alter!) wohl angemessener als Wagner. Wenn sie so weiterfährt wie im Hallenlied, wird sie in 10 Jahren nur noch heulen und nicht mehr singen können. Ich hoffe, sie findet einen Mentor, der sie in Bezug auf Wagner ein wenig bremst. Michael Nagy als Wolfram von Eschenbach machte seine Sache hingegen nicht übel – vor allem wenn man bedenkt, dass er gestern Abend eigentlich nur der Ersatz des Ersatzes der ursprünglichen Besetzung war. Er hatte halt das Pech, rein physisch neben dem wirklich riesigen und massigen Stephen Gould klein und schmächtig, ja kränklich, zu wirken.

Alles in allem hat die Inszenierung aber den Applaus, der ihr und den Sängern nach den einzelnen Akten und ganz zum Schluss reichlich gespendet wurde, verdient. Über ein Orchester, das vom Komponisten gezwungen wird, praktisch immer auf tutti zu spielen, lässt sich wenig sagen, aber auch diese Leute erfüllten ihre Aufgabe sehr gut.


Handlung in drei Aufzügen von Richard Wagner (1813-1883)
Dichtung vom Komponisten
Die Zürcher Aufführung folgt der Fassung der Wiener Aufführung vom 22. November 1875

Musikalische Leitung: Axel Kober
Inszenierung: Harry Kupfer
Bühnenbild: Hans Schavernoch
Kostüme: Yan Tax
Lichtgestaltung: Jürgen Hoffmann
Video-Design: Timo Schlüssel
Choreinstudierung: Ernst Raffelsberger
Choreografie: Philipp Egli

Tannhäuser: Stephen Gould
Elisabeth: Lise Davidsen
Venus: Tanja Ariane Baumgartner
Hermann, Landgraf von Thüringen: Mika Kares
Wolfram von Eschenbach: Michael Nagy
Walther von der Vogelweide: Iain Milne
Biterolf: Ruben Drole
Heinrich der Schreiber: Martin Zysset
Reinmar von Zweter: Stanislav Vorobyov
Ein junger Hirt: Sen Guo
4 Edelknaben: Alissa Davidson / Rebecca Zöller / Jonne van Galen / Yevgeniya Frei
Tänzer: Tänzerinnen und Tänzer
Philharmonia Zürich
Chor der Oper Zürich
Zusatzchor der Oper Zürich
SoprAlti der Oper Zürich
Statistenverein am Opernhaus Zürich

Zum Hören:
Voiced by Amazon Polly

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