Mit diesem 1935 veröffentlichten Roman erzielte John Steinbeck seinen ersten nennenswerten Erfolg als Schriftsteller, sowohl bei der Literaturkritik wie beim breiten Publikum. Er basiert auf Erlebnissen des Studenten Steinbeck, als er in Montereys fischverarbeitender Industrie einen Sommerjob hatte. Der Roman spielt denn auch in jener Zeit, das heisst, kurz nach dem (Ersten Welt-)Krieg. Seine Protagonisten sind Paisanos, die sich alle fast ausschließlich im bairo Tortilla Flat von Monterey aufhalten. Dieser Stadtteil liegt, anders als es der Name suggeriert, auf einem Hügel am Rand der Stadt.
Das Wort Paisanos meinte ursprünglich meist mexikanische Landarbeiter. Unsere Paisanos hier aber sind recht arbeitsscheu und sie heißen eigentlich nur Paisanos in Ermangelung eines besseren Namens. Sie sprechen zu Hause und unter sich eine Art Spanisch, verstehen und sprechen aber auch Englisch. Sie rühmen sich purer spanischer Herkunft und zeigen zum Beweis die Innenseite ihrer Unterarme, die fast weiß sind. Tatsächlich aber mischt sich in ihnen spanisches Blut mit mexikanischem, kaukasischem im weiteren Sinne und einer gehörigen Portion indianischem (indigenem, wie wir heute sagen würden), was sie im Grunde ihres Herzens auch wissen. Es handelt sich bei ihnen offenbar um die Reste jener ursprünglich kastilischen Herren der Gegend, deren Niedergang und Verwandlung in lokale Räuberbarone R. L. Stevenson Ende der 1880er schon schilderte. Zu Beginn der 1920er sind es schon keine eigentlichen Räuber mehr, die nunmehr am Stadtrand, in Tortilla Flat, wohnen. Es sind Lebenskünstler, die sich immer gerade so durchzuschlagen verstehen. Gearbeitet wird nur im absoluten Notfall, lieber fristet man seinen Lebensunterhalt mit kleinen Spitzbübereien. Mal klaut man der Nachbarin ein paar Eier von ihren Hühnern, mal auch ein einsam auf der Landstraße promenierendes Huhn selber oder man melkt heimlich fremde Ziegen. Am liebsten führen sie Tauschgeschäfte aus mit Dingen, die sie mehr oder weniger ehrlich gefunden haben, und ihr liebstes Eintauschobjekt ist die immer wiederkehrende Gallone Wein. Untereinander halten sie die Freundschaft hoch, was nicht bedeutet, dass sie – falls sie gerade ausnahmsweise eine Gallone Wein ergattert haben und nun in Richtung des nahen Waldes streben, wo sie sich hinlegen und dann so nach und nach der Gallone zusprechen wollen – dass sie in so einem Fall also, wenn sie zufällig einem Freund begegnen, nicht versuchen, die Gallone Wein vor ihm zu verstecken. Das funktioniert eigentlich nie, weil der Freund – der im gleichen Fall das gleiche tun würde – natürlich genau weiß, was los ist, und so endet die Geschichte immer in einem gemeinsamen Gelage. Dieses kann, nebenbei gesagt, auch schon mal zu einer freundschaftlichen Schlägerei führen.
Im Vorwort zu seinem Roman vergleicht John Steinbeck den Freundeskreis seiner Protagonisten, Dannys Haus, mit der Tafelrunde von König Artus. (Tatsächlich wissen wir heute, dass Steinbeck zur Zeit, als er an Tortilla Flat schrieb, auch Le Morte Darthur von Thomas Malory, entstanden in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, in modernes Englisch übertragen hat. Die Übersetzung erschien aber erst nach Steinbecks Tod.) Daran erinnert der Umstand, dass der Roman in nur lose zusammenhängenden Episoden verfasst ist, und auch jede Episode (= jedes Kapitel) ausschweifende, an spätmittelalterliche Gepflogenheiten erinnernde Titel trägt wie zum Beispiel Kapitel 1: Wie Danny, aus dem Kriege heimgekehrt, sich als Erben fand und wie er gelobte, die Hilflosen zu schützen. Seine Erzählungen aus dem Leben einfacher Paisanos spickt der Autor zusätzlich von Zeit zu Zeit mit Referenzen an mittelalterliche Autoren (Theologen), so den heiligen Augustin oder den heiligen Franz. (Der, nebenbei, in einem Kapitel sogar eine tragende Rolle inne hat.)
Dieser Roman stellt ein einfach anmutendes, aber nicht ganz so einfach gestricktes Gewebe dar, mit Querverweisen weit zurück in der Literaturgeschichte. Die Paisanos werden mit sanftem Humor und liebenswürdiger Ironie geschildert – es ist die Herbstsonne einer im Untergehen begriffenen Kultur, die Steinbeck scheinen lässt. Empfehlenswert.
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