Reinhold Bichler / Robert Rollinger: Herodot

Vorliegendes schmales Büchlein wurde seinerzeit als Einführung in das Studium des antiken griechischen Historikers Herodot geschrieben, der im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung lebte. Ich finde auf die Schnelle nicht heraus, wann die erste Auflage davon erschienen ist, vor mir liegt die zweite, 2001 bei Olms in Hildesheim erschienen und seinerzeit in einer Lizenzausgabe bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft erhältlich; unterdessen gibt es bereits eine vierte (von 2014), die ein Nachdruck einer dritten, verbesserten und erweiterten Auflage von 2011 sein soll. Es scheint also, als ob dieses Werk seinen einführenden Zweck nach wie vor erfüllt. Ich bin weder Historiker noch Altphilologe und habe mir das Büchlein damals einfach als zusätzliche Informationsquelle zu Herodots Historien besorgt. Diesen Zweck hat es denn auch aufs Beste erfüllt.

Das Buch besteht aus zwei Teilen, einem Darstellungsteil von Reinhold Bichler und einem Forschungsteil, geschrieben von Robert Rollinger, beide damals an der Universität Innsbruck am Institut für Alte Geschichte tätig.

Darstellungsteil

Im Grunde genommen liefert Reinhold Bichler hier eine Zusammenfassung der Historien Herodots. Allerdings handelt es sich nicht um eine „lineare“ Zusammenfassung, sondern der Autor gruppiert nach Themen. Dadurch gewinnen die Historien größere Klarheit, die halt im Original durch die vielen Exkurse ein bisschen leidet. Bichler gliedert zunächst – in der Zusammenfassung zusammenfassend – allgemein Aufbau und Inhalt des Werks, bevor er speziellere Themen ausarbeitet: Die Dimensionen von Raum und Zeit [Herodot als Geograf und Historiograf], Wildheit und Zivilisation [Herodot als Ethnologe, der – lange vor Rousseau – bereits so etwas wie einen „edlen Wilden“ gekannt hat], Herrschaft und Knechtschaft [ein Überblick über die Völker, die Herodot auftreten liess, inklusive ihrer gegenseitigen Herrschaften über- und untereinander], Politik und Staatsgestaltung [Herodots politische Philosophie, vor allem demonstriert an Hand der griechischen Völker und deren Tendenz, im Anschluss an die Besiegung der Perser nun ihrerseits der vom antiken Geschichtsschreiber so sehr kritisierten Hybris in politicis zu verfallen und ihrerseits nun Großreiche anzustreben; etwas, worauf Herodot immer mal wieder vorausdeutend hinweist], Macht und Verantwortung [eine konzise Zusammenfassung der im Original teilweise zerstreuten Biografien der großen Eroberer, die Herodot im Verlauf der 9 Bücher vorstellt: Kroisos, Kyros, Kambyses, Dareios und Xerxes].

Als Leitfaden durch Herodots Labyrinth äußerst nützlich.

Forschungsteil

Hier nun gibt mit Robert Rollinger der zweite Autor weitere Informationen darüber, wie das Bild Herodots und seines Werks sich im Laufe der Zeit entwickelt hat. Was zunächst Rezeptionsgeschichte ist, geht im Laufe der Jahrhunderte über in eigentliche Wissenschaftsgeschichte.

Rollinger fängt mit der antike[n] Überlieferung an. Diese lässt sich in etwa zusammenfassen in Ciceros Diktum, wonach er Herodot zwar als patrem historiae, Vater der Geschichtsschreibung, deklariert und akzeptiert, ihn aber im gleichen Satz auch einen Erzähler innumerabiles fabulae nennt, einen, der unzählige Fabeln erzählt – unwahre Geschichten also.

Wie viele antike griechische Autoren ging auch Herodot dem europäischen Westen mit dem Zusammenbruch des Weströmischen Reichs für geraume Zeit verloren. Anders sah es in Ostrom aus – jedenfalls bis zu dessen Zusammenbruch. Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Türken flüchteten viele des Griechischen mächtige Gelehrte nach Westeuropa, wo sie und ihr Wissen, sowie die Schriften, die sie mitbrachten, bei den Humanisten enthusiastische Aufnahme fanden. Eine erste Übersetzung Herodots ins Lateinisch von Lorenzo Valla ging zwar noch unter, weil Valla vor ihrer Drucklegung verstarb. Dennoch wurde nun Herodot rasch rezipiert. Viele Humanisten nahmen immer mal wieder Bezug auf ihn: Zustimmend und ihn als ernst zu nehmenden Historiker akzeptierend beispielsweise Erasmus, Melanchthon oder Montaigne – um nur die wichtigsten zu nennen. Ablehnend und ihn als reinen Erfinder seltsamer Dinge deklarierend zum Beispiel Juan Luis Vives. (Denn die zwiespältige Meinung zu Herodot, die schon Cicero geäußert hat, zieht sich gemäß Rollinger durch den Humanismus weiter bis ins 20. Jahrhundert! Und wohl auch ins 21. Jahrhundert – aber darüber weiß ich zu wenig.) In der Aufklärung wirkte Herodot nicht nur auf – zum Beispiel – Johann Gottfried Herder (dessen Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit dem antiken Historiker einiges verdankte), sondern auch auf den Physiker und Mathematiker Isaac Newton. (Man finde einen heutigen Physiker, eine Mathematikerin des 21. Jahrhunderts, die antike Geschichte lesen! Vermutlich kann man sie an einer Hand abzählen.) Mit dem Übergang ins 19. Jahrhundert wird aus der Rezeptionsgeschichte dann endgültig eine Wissenschafts- und Interpretationsgeschichte. Als Bindeglied zwischen Rezeption und Wissenschaft dient Rollinger der deutsche Philosoph Schelling. Der dann folgende Teil, der vor allem die Geschichte der Wissenschaft der Geschichtsschreibung schildert, ist sicher für Historiker und Altphilologen interessanter, als er es für mich war, und ich werde ihn hier nicht weiter vorstellen.

Alles in allem hat das Büchlein, wie bereits gesagt, seinen Zweck für mich erfüllt, und ich kann es ähnlich Interessierten nur empfehlen.

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