Richard Katz: Übern Gartenhag

Zeichnung: Im Vordergrund ein Gartenhag aus braunen Holzlatten, dahinter ein stilisierter Rosenbusch mit zwei violetten Blüten. - Ausschnitt aus dem Buchcover.

Übern Gartenhag gehört zum ‚Alterswerk‘ von Richard Katz – wenn so ein Ausdruck gestattet ist bei einem Schriftsteller, der nicht zur ‚Hochliteratur‘ gezählt wird (sich auch selber nie dazu zählte) und nicht kanonisiert wurde. Wir können nämlich bei Katz drei verschiedene Werk-Phasen unterscheiden: Die frühen Bücher (1927-1933) des gebürtigen Deutsch-Pragers, der seine Heimatstadt endgültig hatte verlassen müssen, als in der nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen Hauptstadt der Tschechoslowakei die deutschsprachige (unter den Habsburgern dominante) Minderheit nicht mehr erwünscht war und der in Berlin bei Ullstein Unterschlupf gefunden hatte – die frühen Bücher also von Richard Katz über seine vom Ullstein-Verlag finanzierten beiden Weltreisen machten ihn im deutschen Sprachraum zum wohl bekanntesten Reiseschriftsteller seiner Zeit – ein Ruf, den er auch dann nicht loswurde, als er es gerne gehabt hätte. Als die Nazis in Deutschland an die Macht kamen emigrierte er auf der Flucht vor ihnen zunächst in die Schweiz, von dort auf der Flucht vor den Schweizern nach Brasilien. Er wurde sogar brasilianischer Staatsbürger. In dieser Zeit, also bis ungefähr in die Mitte der 1950er schrieb er zwar weiterhin Reisebücher, aber seine Reisen waren nun beschränkt auf das (zugegebenermaßen riesige) Land Brasilien. Auch seine Veröffentlichungsmöglichkeiten waren eingeschränkt, weil er nur noch in der Schweiz gedruckt werden durfte. Als dann die neue Weltordnung nach dem Zweiten Weltkrieg für einige Zeit geregelt war, und Katz wieder hätte reisen können und darüber berichten, waren seine Reisebücher in Deutschland schon fast vergessen. Es gelang ihm auch nicht mehr, an seinen alten Ruhm anzuschließen. Das hing auch damit zusammen, dass nun peu à peu das Reisen immer populärer wurde und mit zunehmendem Wohlstand auch jene gesellschaftliche Schichten, die früher davon ausgenommen waren, nunmehr selber reisten. Hatte Katz nach dem Ersten Weltkrieg maßgeblich dazu beigetragen, den Deutschen wieder ein Fenster zur Welt zu öffnen, so öffneten sie sich nun nach dem Zweiten Weltkrieg dieses Fenster selber mit Urlaubsreisen nach Italien und Spanien, denen bald schon die ersten Aufenthalte in Übersee mit dem Flieger folgen sollten.

Folgerichtig begann Katz, der wohl auch altersbedingt nun weniger gern große Reisen unternahm, als er wieder in die Schweiz zurückgekehrt war, seine Berichte ‚nach innen‘ zu kehren. Sie wurden autobiografischer, erzählten von seinen Hobbys, seinen Tieren – und seinem Garten. Katz hatte sich schon früh ein altes Haus im Tessin gekauft, noch bevor der ganz große Touristenstrom über diesen Kanton der Schweiz hereinbrach. Im Lauf der Zeit vergrößerte er das Grundstück, auf dem das Haus sich befand, um nicht von Nachbarn und Passanten gestört zu werden. Auf diesem Grundstück nun gestaltete er seinen Garten. Dieser sein Garten war kein Gemüsegarten (oder jedenfalls erzählt er nicht von so einem Teil, wenn er einen hatte) – Katz gestaltete ihn mit Bäumen, Rasen und Blumen. Im vorliegenden Buch erzählt er davon, wie er ihn im Lauf der Jahre umgestaltete. Um für die Gärtnernden auch nördlich der Alpen interessant zu bleiben, verzichtet er im Buch auf alles, was nur im schon mediterranen Klima des Tessin wächst. Unterm Gärtnern erzählt er auch von anderen Gärten, die er an anderen Orten (vor allem natürlich in Brasilien!) angelegt oder auch nur besucht hatte, von frühen Gartenerfahrungen des Knaben, er sinniert über die Moden, die auch die Gartengestaltung immer wieder packen, fasst so zum Beispiel die Geschichte der Tulpenmanie zusammen, die die Niederlande in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gepackt hatte, beobachtet Vögel und Insekten in seinem Garten ebenso wie das Wetter. Ein Kapitel widmet er – gänzlich außerhalb des Gartens – seiner verfressenen Pudelhündin, dann wieder denkt er darüber nach, wie viele pflanzliche Immigranten sein Garten zählte und hält kurz und trocken fest, dass es nur eine kontinuierliche Immigration ist, die ein Volk kräftig erhält. Seine Abneigung gegen die Technik scheint auch in diesem Buch durch, aber sie ist bedeutend weniger aggressiv als früher, wie überhaupt Altersmilde sich bemerkbar macht und eine sanfte Ironie nun zu seinen bevorzugten Stilmitteln werden. Neben vielen, teils selbst erlebten, teils nur gehörten Anekdoten zitiert er immer wieder Gedichte oder andere Passagen aus seinen Lieblingsautoren. (Und dies in den Zeiten, bevor man im Internet die Frage stellen konnte: „Suche mir Zitate zum Thema ‚Sommer im Garten‘!“ Das bedeutet entweder ein sehr gutes Gedächtnis oder einen gut assortierten Zettelkasten. Oder beides.)

Das Buch wird so zu einer auch Nicht-Gärtner wie mich durchaus interessanten und keineswegs dummen Lektüre. Mit seinem aufs Praktische und auf Praxis-Tipps angelegten Inhalt, der steten Ansprache des Publikums und dem intelligenten Plauderton erinnert Katz’ Übern Gartenhag sehr an die ähnlich gehaltenen Gartenbücher von Vita Sackville-West, nur dass diese 15 Jahre lang ganz konkret für eine Zeitungskolumne den Ereignissen im Garten folgte, während Katz seine Gartenerlebnisse freier zusammenfasst.

Fazit: Katz ist ein kluger Autor und dieses Buch ist ein kluges Buch. Es ist schade, sind wir im ganzen World Wide Web, so weit ich sehe, nur noch vier oder fünf Personen, die den Namen manchmal erwähnen. (Und bei den anderen drei oder vier bin ich nicht sicher, ob sie nach wie vor zu Katz schreiben.) Katz’ Bücher sind antiquarisch relativ leicht zu besorgen – auch sein ‚Spätwerk‘.

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