Rund 675 Seiten umfasst das vorliegende Buch – und dabei beinhaltet es noch nicht einmal den vollständigen Briefwechsel zwischen Rudolf Carnap und Otto Neurath. Es ist 2024 beim Verlag Felix Meiner in Hamburg erschienen, und das gibt dann auch schon die Auswahlprinzipien vor. Es sind die reichlich vorhandenen philosophischen Bemerkungen in diesem Briefwechsel, die im Zentrum der Auswahl stehen. Tatsächlich haben die Herausgeber (Christian Damböck, Johannes Friedl und Ulf Höfer) alle nur ‚kleineren‘, mehr gesellschaftlich orientierten Dokumente weggelassen (wie zum Beispiel Ansichtskarten aus dem Urlaub, die sich die Paare Carnap und Neurath schon mal gegenseitig schickten), und es wurden in den abgedruckten Briefen manchmal auch längere Passagen unterdrückt, die allzu sehr in persönlichen Details verhaftet blieben. Zum Glück wurden nicht alle solchen Bemerkungen gestrichen. So enthält dieser Briefwechsel neben dem philosophischen Gespräch der beiden genug mehr oder weniger Privates, um auch die Charaktere der beiden aufzuzeigen.
Vor allem Otto Neurath, der (gelinde gesagt) der Spontanere der beiden war (er war es auch, der den Briefwechsel initiierte), tritt in seiner ganzen, oft polternden und immer direkten Art vor die Lesenden. Nicht nur seine Körpergröße war es (und ein entsprechendes Stimmvolumen, das allerdings in den Briefen nur indirekt eine Rolle spielt), die ihn viele Briefe statt mit einer Unterschrift mit einem selbst gezeichneten Elefanten unterschreiben ließ – dem Elefanten im Porzellanladen nämlich, wie sich Neurath auch schon mal, nur halb im Scherz, bezeichnete.
Philosophisch fällt auf, dass vor allem Neurath den Begriff ‚Philosophie‘ von Anfang an eigentlich gar nicht auf die gemeinsame Arbeit angewendet sehen wollte. Er betrachtete Carnap und sich als die Vorbereiter einer Einheitswissenschaft, einer Wissenschaft der Wissenschaften sozusagen:
[Es geht um die Fahnenabzüge eines Aufsatzes von Carnap.] Ich bin sehr, sehr froh, daß Du endlich diese eklige „Philosophie“ hinausgeschmissen hast und nicht dem strammen Lebewesen, das wir gezeugt haben, diesen verdreckten Namen einer eklen alten Person gegeben hast, die ja, als sie jung war, ihre Meriten gehabt haben mag.
Neurath an Carnap, 1. Oktober 1932; S. 124
Noch in den letzten Briefen steht die Arbeit an einer Einheitswissenschaft im Zentrum. Die beiden waren seit 1936, zusammen mit Charles W. Morris, Herausgeber einer Buchserie mit dem Titel International Encyclopedia of Unified Science. Beide trugen auch mit eigenen Büchern zu der Serie bei – und genau darüber entbrannte ihr letzter (und keineswegs wissenschaftlicher noch philosophischer) Streit. Neurath, bis zum Schluss aufbrausend und unversöhnlich, fühlte sich indirekt angegriffen, weil sich Carnap bei seinem (Neuraths) Text als Herausgeber hatte streichen lassen. Selbst Carnaps Frau, die schlichtend eingegriffen hatte, gelang es nicht, die Wogen zu glätten. Was den publizierten Briefwechsel angeht, scheinen die beiden im Streit auseinander gegangen zu sein …
Wiederum Neurath war es, der auch metaphorisch über Leichen ging, nur um Recht zu behalten. Anders als Carnap gehörte er von Beginn weg zum so genannten „Wiener Kreis“, einer Gruppe von Mathematikern und Naturwissenschaftlern, die sich in Wien zu regelmäßigen Diskussionen über verschiedene Themen bzw. Bücher traf. (Der Name „Wiener Kreis“, den sich die Gruppe gab, als sie an die Öffentlichkeit trat, stammt von Neurath.) Als aber Wittgenstein und dessen Tractatus logico-philosophicus mehr und mehr ins Blickfeld des Wiener Kreises traten, war es Neurath, der sich gegen dessen Mystik bzw. Mystizismus wandte. Mehr und mehr empfand Neurath den eigentlichen Gründer des Wiener Kreises, Moritz Schlick, der zusammen mit einigen anderen weiter über und mit Wittgenstein diskutieren wollte, als Gegner oder gar Feinde – nannte sie in den Briefen an Carnap auch so.
Carnap war hier im Ton konzilianter, in der Sache aber völlig Neuraths Meinung. Das war nicht in allen Belangen so. Die frühen Briefe zeigen ihr Ringen um Begrifflichkeit und Definition dessen, was heute im Allgemeinen als Protokollsatz bekannt ist. Die spätere Entwicklung des Isotype (einer Art Bildsprache) ist nicht nur Neuraths pädagogischem und historischem Interesse entwachsen, sondern, wie ich vermute, auch dem Ringen um eine Möglichkeit, echte Protokollsätze ausdrücken zu können. (Später, als beide bereits im Exil lebten, würde dann auch das Phänomen der künstlichen Sprachen in ihr Blickfeld rücken.) Tatsächlich war Neurath der politisch Aktivere der beiden. Diskussionen (nur kurze) um erkenntnistheoretische Fragen flackerten erst auf, als die beiden begannen, sich von Popper zu distanzieren, dem Spätzugang zum Wiener Kreis, den man erst noch protegiert hatte. Vor allem Neurath zeigte an einer Erkenntnistheorie wenig Interesse.
Carnap, der von einer Professur in Prag aus rechtzeitig nach Chicago floh, wo ihm Charles W. Morris eine Stelle an der Universität verschafft hatte, war es hingegen, der dort mit Begriff und Wesen des Behaviorismus konfrontiert wurde und ihn in die briefliche Diskussion einbrachte. Neurath, der eigentlich großes Interesse an Fragen der Psychologie hatte, schien nicht so recht zu wissen, was er damit anfangen sollte. Ergebnislos, jedenfalls, was den Briefwechsel betrifft, verlief die ebenfalls spät einsetzende Diskussion über verschiedene Wahrheitsbegriffe.
Neurath, der Austromarxist, war gerade noch rechtzeitig aus Wien nach Den Haag geflohen mit seinem Institut, hatte aber kaum noch Einkommen. Auch aus den Niederlanden schaffte er es noch rechtzeitig nach Oxford, wo er nun eine Stelle erhielt. Angebote Carnaps, für ihn etwas in den USA zu suchen (wie für so viele ehemalige Mitglieder des Wiener Kreises gesucht wurde – selbst Horkheimer half mit), lehnte er ab, weil er näher am Kampfgeschehen des Zweiten Weltkrieges sein wollte. Er sollte den Sieg der Alliierten noch erleben, starb dann aber am 22. Dezember 1945 in Oxford.
Noch eine Bemerkung, ein Charakterzug, der sofort auffällt: Neurath konnte sich extrem in Nomenklatur verbeißen. So wehrte er sich mit allen möglichen, nur nicht linguistischen, Argumenten dagegen, dass Carnap seiner Zeichenlehre den Namen Semantik verpasste. Seiner Meinung nach musste es Semiologie heißen. Carnap allerdings ließ sich nicht beirren. Noch 1932, im Anschluss an den oben zitierten Satz, würde ihm Neurath schreiben: „Semantik“ wird heulend zur Kenntnis genommen. Das Thema war dann für eine Weile offenbar erledigt, erst als Carnap im Exil bei Morris den Begriff Semiotik kennen lernte und an Neurath weitergab, wurde noch einmal diskutiert. Auch dieses Mal ließ sich Carnap von Neurath nicht überzeugen, umso mehr, als in Chicago „semantics“ unterdessen die Bedeutung angenommen hatte, die es bis heute in der Linguistik aufweist.
Last but not least – auch in Bezug auf die heutige weltpolitische Lage: Am 11. Januar 1939 (weder Carnap noch Neurath glaubten noch daran, dass sich ein Krieg vermeiden lassen werde) schrieb Neurath aus Den Haag seinem Freund Folgendes:
Skeptischer Optimismus ist das einzige, was bleibt, und Vitaler Stoizismus. Meinst Du nicht?